Die These von der ‚Inokulation‘ Belgranos in der paraguayischen Unabhängigkeit wird durch Primärquellen in Frage gestellt

Eine Analyse historischer Dokumente, darunter die Aussage des Rechtsberaters von Gouverneur Velasco und die Abschrift des Gesprächs zwischen Belgrano und dem Kaplan Molas, stellt die Erzählung in Frage, dass die paraguayische Unabhängigkeit von der argentinischen Militärexpedition inspiriert wurde. Die Quellen deuten darauf hin, dass die Doktrin der provinziellen Souveränität in Asunción bereits vor der Ankunft Belgranos formuliert war.

A tese da 'inoculação' de Belgrano na independência paraguaia é posta em xeque por fontes primárias
A tese da 'inoculação' de Belgrano na independência paraguaia é posta em xeque por fontes primárias

Es gibt Behauptungen, die sich in der paraguayischen Geschichte wie Dogmen wiederholen: dass die Helden des Mai 1811 direkt von der Revolution der Comuneros (1717–1735) inspiriert wurden und dass diese Tat der Keim der Emanzipation war. Eine andere, ebenso tief verwurzelte These besagt, dass die Idee der Freiheit dem paraguayischen Volk vom argentinischen General Manuel Belgrano nach den Niederlagen von Paraguarí und Tacuarí ‚inokuliert‘ wurde. Beide Thesen halten jedoch der Überprüfung anhand der Primärquellen nicht stand.

Bartolomé Mitre behauptete in seiner Geschichte Belgranos, dass Paraguay im Jahr 1810 ein unterwürfiges Volk ohne moralische Energie gewesen sei und dass ihm die Idee der Freiheit von Belgrano ‚inokuliert‘ worden sei. Diese These zu widerlegen, erforderte den Nachweis, dass die paraguayische Republik eigene Wurzeln hatte. Die Comuneros boten dafür das perfekte Material, aber die dokumentarischen Belege weisen in eine andere Richtung.

Die Aussage von Pedro de Alcântara Antonio Somellera, dem Rechtsberater des royalistischen Gouverneurs Bernardo de Velasco, ist entscheidend. In Notizen aus dem Jahr 1841 berichtet Somellera, dass sich die Offiziere in der Nacht vom 14. auf den 15. Mai 1811 bei der Debatte über die Zusammensetzung der provisorischen Junta dagegen aussprachen, José Gaspar Rodríguez de Francia einzubeziehen, da sie ihn für einen Gegner der Sache von Buenos Aires hielten. Somellera enthüllte daraufhin, dass Francia bereits am 24. Juli 1810 in einem von Velasco einberufenen offenen Cabildo die Auffassung vertreten hatte, dass die spanische Regierung erloschen sei – genau dieselbe rechtlich-politische Doktrin, die der Maijunta von Buenos Aires zugrunde lag. Dies geschah siebeneinhalb Monate vor dem Gespräch von Tacuarí.

Ein weiteres dokumentarisches Stück ist die Abschrift des Gesprächs zwischen Belgrano und dem Kaplan der paraguayischen Armee, José Agustín de Molas, am Tag der Schlacht von Tacuarí (9. März 1811). Als Belgrano fragte, warum die Provinzen der Junta von Buenos Aires nicht gehorchten, antwortete Molas: ‚Weil das Volk von Buenos Aires nicht die Autorität hat, als Hauptstadt die anderen Provinzen zu unterwerfen, sondern nur, um seine eigenen besonderen Rechte zu vertreten, wie jede Provinz sie hat; und die Autorität des Vizekönigs, die das Volk an sich genommen hat, darf sich nicht auf die anderen Provinzen erstrecken, weil sie bereits erloschen war.‘

Die Antwort von Molas zeigt, dass die Doktrin der provinziellen Souveränität bereits vor Belgranos Durchreise in Asunción ausgearbeitet und verfügbar war. Sie wurde nicht inokuliert, sondern stand im Gegenteil dazu. Das Gespräch von Tapian kehrt den Sinn des mitristischen Berichts um: Belgrano lehrt nicht, er fragt. Und die paraguayische Antwort ist ein vollendetes Stück rechtlich-politischer Theorie.

Somit legen die Primärquellen nahe, dass die paraguayische Unabhängigkeit nicht das Ergebnis einer externen ‚Inokulation‘ war, sondern vielmehr eines internen politischen Reifungsprozesses, dessen Wurzeln bis zur Revolution der Comuneros und zum Denken von Persönlichkeiten wie Francia zurückreichen.