Der Besuch von Kronprinz Akishino und Kronprinzessin Kiko vom 19. bis 25. August 2026 lenkt den Blick erneut auf eine der ungewöhnlicheren bilateralen Beziehungen Paraguays. Anlass ist der 90. Jahrestag der japanischen Einwanderung. Zum Programm gehören Begegnungen mit der Nikkei-Gemeinschaft sowie Besuche in historischen Siedlungsgebieten wie La Colmena und Yguazú. Pytagua hatte über den Besuch bereits im Vorfeld berichtet: Pytagua-Bericht zum Besuch
Die Bedeutung der Beziehungen lässt sich jedoch nur teilweise durch Jubiläen und Besuche der japanischen Kaiserfamilie erklären. Migration, Landwirtschaft und staatliche Entwicklungszusammenarbeit haben sich über Jahrzehnte miteinander verbunden. In jüngerer Zeit kommen Investitionsschutz, Raumfahrt, Infrastruktur und ein institutionalisierter außenpolitischer Dialog hinzu.
Von La Colmena zur organisierten Einwanderung
Japan und Paraguay nahmen bereits 1919 diplomatische Beziehungen auf. Die eigentliche japanische Einwanderung nach Paraguay begann jedoch 1936. Die ersten Familien ließen sich in La Colmena im Departamento Paraguarí nieder. Die paraguayische Regierung hatte zunächst versuchsweise die Aufnahme von 100 japanischen Familien genehmigt.
Die ersten Jahre waren schwierig: Die Siedler mussten landwirtschaftliche Flächen erschließen, mit unzureichender Infrastruktur und teilweise erheblichen Ernteproblemen zurechtkommen. Weitere Informationen zur Geschichte der japanischen Einwanderung bietet die Federación de Asociaciones Japonesas del Paraguay: Federación de Asociaciones Japonesas del Paraguay
Der Zweite Weltkrieg unterbrach die weitere Einwanderung. Nach Wiederaufnahme der Beziehungen begann in den 1950er-Jahren eine zweite Phase. Neue japanische Siedlungen entstanden unter anderem in Itapúa, Alto Paraná und Amambay. Dazu gehörten La Paz, Pirapó und später Yguazú.
Ein entscheidender Schritt war das japanisch-paraguayische Einwanderungsabkommen von 1959. Es sah für einen Zeitraum von 30 Jahren einen Aufnahmerahmen von bis zu 85.000 japanischen Einwanderern vor.
Diese Zahl wird gelegentlich als tatsächliche Zahl japanischer Migranten in Paraguay missverstanden. Sie war jedoch eine vertraglich vereinbarte Obergrenze. Tatsächlich fiel die Einwanderung wesentlich geringer aus, auch weil Japans rasantes Wirtschaftswachstum ab den 1960er-Jahren die Auswanderungsbereitschaft stark reduzierte. Das Abkommen ist hier dokumentiert: JICA-Dokumentation des Einwanderungsabkommens
Heute nennt das japanische Außenministerium rund 10.000 Menschen japanischer Abstammung in Paraguay. Daneben weist es für 2024 insgesamt 3.778 in Paraguay lebende japanische Staatsangehörige aus. Beide Statistiken sind nicht einfach zu addieren, da sich die Gruppen überschneiden können. Japanisches Außenministerium
Landwirtschaft als Ausgangspunkt der Zusammenarbeit
Der Einfluss der japanischen Einwanderer ist besonders eng mit der Entwicklung der paraguayischen Landwirtschaft verbunden. Dabei geht es weniger um die Einführung einer einzelnen Kulturpflanze als um Anbaumethoden, Versuchsanbau, Genossenschaften, Mechanisierung und die langfristige Organisation landwirtschaftlicher Produktion.
Ein besonders gut dokumentiertes Beispiel ist die Sojabohne. Nach Untersuchungen des JICA Ogata Research Institute gehörten japanische Einwanderer zu den Pionieren des gemeinschaftlichen Sojaanbaus in Paraguay und spielten eine wichtige Rolle bei dessen kommerzieller Etablierung.
1960 wurden erstmals 360 Tonnen paraguayischer Sojabohnen über Buenos Aires nach Japan exportiert. Später entwickelten insbesondere japanisch geprägte Siedlungsgebiete Fruchtfolgesysteme mit Soja und Weizen sowie weitere Formen diversifizierter Landwirtschaft. Eine ausführliche JICA-Studie dazu ist hier verfügbar: JICA-Studie zur japanischen Einwanderung und Landwirtschaft
Damit wäre es zu einfach, den späteren Aufstieg Paraguays zu einem bedeutenden Sojaproduzenten allein der japanischen Einwanderung zuzuschreiben. Die Entwicklung hatte zahlreiche wirtschaftliche, technologische und internationale Ursachen. Der japanische Beitrag in den frühen Phasen des kommerziellen Anbaus ist jedoch ungewöhnlich gut dokumentiert.
Die japanischen Siedlungen entwickelten außerdem Genossenschaften und lokale Organisationen. Diese übernahmen teilweise Aufgaben bei Straßen, sozialer Infrastruktur und der Organisation des landwirtschaftlichen Absatzes. Dadurch entstand früh eine Verbindung zwischen privater Migration, gemeinschaftlicher Selbstorganisation und späterer staatlicher Entwicklungszusammenarbeit.
JICA als institutionelle Brücke
Aus dieser Migrationsgeschichte entwickelte sich nach 1959 eine langfristige staatliche Kooperation. Japan unterstützte Paraguay unter anderem in Landwirtschaft, Straßenbau, Gesundheit, Bildung, beruflicher Ausbildung und technischer Qualifizierung.
Eine Schlüsselrolle spielt dabei die Japan International Cooperation Agency, kurz JICA. Einen Überblick über die Zusammenarbeit bietet die japanische Botschaft in Paraguay: Japanische Botschaft in Paraguay
Der Umfang ist beträchtlich. Nach Angaben des japanischen Außenministeriums belief sich die kumulierte wirtschaftliche Zusammenarbeit bis zum japanischen Fiskaljahr 2022 auf 173,2 Milliarden Yen an Krediten, 41,4 Milliarden Yen an Zuschüssen sowie 91,3 Milliarden Yen für technische Zusammenarbeit.
Zusammen entspricht dies mehr als 305 Milliarden Yen über mehrere Jahrzehnte. Japanisches Außenministerium
Die Schwerpunkte haben sich dabei verändert. Wo früher landwirtschaftliche Entwicklung und klassische Infrastruktur dominierten, stehen inzwischen zunehmend Technologie, institutionelle Kapazitäten und spezialisierte öffentliche Dienstleistungen im Mittelpunkt.
So beschloss Japan 2024 beispielsweise eine Förderung von rund 500 Millionen Yen für medizinische Ausrüstung paraguayischer öffentlicher Gesundheitseinrichtungen, darunter Einrichtungen des Hospital de Clínicas in Asunción. Diplomatic Bluebook des japanischen Außenministeriums
Von der Landwirtschaft zur Raumfahrt
Wie breit die Zusammenarbeit inzwischen geworden ist, zeigte ein Besuch von JICA-Präsident Akihiko Tanaka 2023. Gesprächsthemen waren neben Landwirtschaft und Infrastruktur auch erneuerbarer Wasserstoff, japanische Start-ups, Personalentwicklung und Raumfahrt.
Gleichzeitig wurde ein technisches Kooperationsprojekt mit der paraguayischen Raumfahrtagentur vorbereitet, das unter anderem die Nutzung von Satellitentechnik und Satellitendaten für die sozioökonomische Entwicklung verbessern soll. JICA
2024 wurde daraus das Japan-Paraguay Space Cooperation Program. Beim Gipfeltreffen zwischen Präsident Santiago Peña und dem damaligen japanischen Premierminister Shigeru Ishiba im Mai 2025 würdigten beide Seiten ausdrücklich die Fortschritte dieser Zusammenarbeit. Japanisches Außenministerium
Gerade diese Entwicklung zeigt den Wandel der Beziehungen: Aus einer Verbindung, die wesentlich durch landwirtschaftliche Migration entstand, ist eine Kooperation entstanden, die mittlerweile bis zu Satellitentechnologie und Energie reicht.
Infrastruktur: die Hidrovía als aktuelles Beispiel
Ein besonders sichtbares Beispiel ist 2026 die neue DRM-5 „Paraguay“, eine in Japan gebaute und mit japanischer Unterstützung bereitgestellte Saugbaggeranlage für die paraguayischen Wasserstraßen.
Nach Angaben der paraguayischen Behörden kann sie rund 1.500 Kubikmeter Sediment pro Stunde bewegen. Japanische Techniker schulten paraguayisches Personal für den Betrieb. Agencia IP
Für ein Binnenland, dessen Außenhandel stark von der Paraguay-Paraná-Wasserstraße abhängt, ist eine solche Unterstützung wirtschaftlich unmittelbarer als viele symbolische Entwicklungsprojekte. Sie verbindet japanische Technik mit einem der strukturellen Engpässe der paraguayischen Wirtschaft: der verlässlichen Schiffbarkeit der Flüsse.
Die Indienststellung der DRM-5 wurde bewusst mit dem Besuch des japanischen Thronfolgerpaares im August 2026 verbunden. Migrationserinnerung und moderne Infrastrukturpolitik treffen damit unmittelbar aufeinander.
Aus Freundschaft wird formalisierte Partnerschaft
Auch auf politischer Ebene hat sich die Beziehung in den vergangenen Jahren deutlich institutionalisiert.
Beim Gipfeltreffen im Mai 2025 stuften beide Regierungen ihre Beziehungen offiziell zu einer „strategischen Partnerschaft“ auf. Gleichzeitig vereinbarten sie einen Mechanismus regelmäßiger politischer Konsultationen.
Die erste Runde dieser Konsultationen fand bereits im Juli 2025 in Asunción statt und behandelte neben bilateralen Fragen auch Wirtschaft, Entwicklungszusammenarbeit und internationale Politik. Japanisches Außenministerium
Seit dem 1. Juni 2025 können paraguayische Staatsbürger mit biometrischem Reisepass für Kurzaufenthalte von bis zu 90 Tagen visumfrei nach Japan reisen. Paraguay hatte japanischen Staatsangehörigen bereits zuvor eine entsprechende Befreiung gewährt.
Damit wurde auch der Personenverkehr institutionell erleichtert – ein bemerkenswerter Schritt in einer Beziehung, deren Ursprung gerade in der Migration liegt. Japanisches Außenministerium
Ein neuer Rahmen für japanische Investitionen
Parallel dazu versuchen beide Regierungen, die traditionell enge politische und entwicklungspolitische Zusammenarbeit stärker auf private Investitionen zu übertragen.
Im Dezember 2025 unterzeichneten Japan und Paraguay ein Abkommen über die Förderung und den Schutz von Investitionen. Es enthält unter anderem Regeln zur Gleichbehandlung von Investoren, zum Schutz vor entschädigungsloser Enteignung, zu Kapitaltransfers und zur Beilegung von Investitionsstreitigkeiten.
Japan begründete das eigene Interesse ausdrücklich mit Paraguays politischer und gesellschaftlicher Stabilität, seiner Mercosur-Mitgliedschaft und seiner Nähe zum brasilianischen Markt. Japanisches Außenministerium
Paraguay schloss seine parlamentarische Behandlung 2026 ab; Präsident Peña promulgierte am 31. Juli das entsprechende Gesetz Nº 7688.
Das Abkommen von 2025 sieht allerdings vor, dass es erst nach Abschluss der notwendigen innerstaatlichen Verfahren beider Länder und dem anschließenden Austausch der diplomatischen Notifikationen in Kraft tritt. Die paraguayische Genehmigung allein bedeutet daher noch nicht automatisch das Inkrafttreten des Vertrags. ABC Color
Die wirtschaftliche Beziehung ist bislang kleiner, als die politische Nähe vermuten lässt. Für 2024 registrierte Japan paraguayische Exporte im Wert von 7,08 Milliarden Yen und japanische Exporte nach Paraguay von 16,84 Milliarden Yen.
Gerade deshalb ist das Investitionsabkommen interessant: Die nächste Phase der Beziehungen soll offenbar stärker von Unternehmen und Investitionen getragen werden. Japanisches Außenministerium
Paraguay als Verbindung zum Mercosur
Hinzu kommt eine regionale Dimension.
Japan und der Mercosur haben inzwischen einen Strategic Partnership Framework geschaffen, um den wirtschaftspolitischen Dialog zu vertiefen. Paraguay spielte während seiner Mercosur-Präsidentschaft eine aktive Rolle und war Gastgeber der ersten Sitzung im Rahmen dieses neuen Formats. Agencia IP
Für Japan kann Paraguay damit trotz seiner vergleichsweise kleinen Volkswirtschaft als Standort zwischen Brasilien, Argentinien und den übrigen Mercosur-Staaten interessant sein.
Für Paraguay wiederum bietet Japan Zugang zu Kapital, Technologie und einem der größten und technologisch fortgeschrittensten Wirtschaftsräume Asiens.
Eine Beziehung, die mit Migration begann, aber nicht dort endet
Die japanisch-paraguayischen Beziehungen unterscheiden sich von vielen anderen bilateralen Partnerschaften durch ihre Entstehung.
Sie wurden nicht primär durch Rohstoffe, große Handelsströme oder geopolitische Interessen aufgebaut. Den Ausgangspunkt bildeten Menschen, die ab 1936 in Paraguay Land erschlossen, Gemeinden gründeten und dauerhaft Teil der paraguayischen Gesellschaft wurden.
Aus dieser persönlichen Verbindung entstand Vertrauen; aus dem Vertrauen entwickelte sich institutionelle Zusammenarbeit.
Auf Migration folgten technische Hilfe und Entwicklungsprojekte, später politische Konsultationen, Visumfreiheit, Investitionsschutz, Raumfahrtprojekte und Kooperation bei strategischer Infrastruktur.
Der Besuch von Kronprinz Akishino und Kronprinzessin Kiko zum 90. Jahrestag macht diese historische Kontinuität sichtbar. Interessanter als die Zeremonien selbst ist jedoch, was sich hinter ihnen entwickelt hat:
Aus einer Einwanderungsgeschichte ist über neun Jahrzehnte eine staatliche Partnerschaft geworden, die heute Landwirtschaft, Infrastruktur, Wissenschaft, Wirtschaft und Außenpolitik miteinander verbindet.
