Bei Bankbilanzen wirken schon die Begriffe kompliziert. Im Kern geht es jedoch um eine einfache Frage: Wie groß ist der finanzielle Puffer einer Bank, wenn einzelne Vermögenswerte weniger wert sein sollten als in der Bilanz angegeben?
Bei der paraguayischen Ueno Bank führt diese Frage zu einer ungewöhnlichen Größenordnung. Ende 2025 wies die Bank ein Eigenkapital von rund 2,118 Billionen Guaraní aus. Fast genauso groß war ein einzelner Vermögensposten: sogenannte „Derechos Fiduciarios“, also Rechte an einem Treuhandvermögen, im Wert von rund 2,106 Billionen Guaraní. Das entspricht knapp zehn Prozent der gesamten Aktiva der Bank und praktisch ihrem gesamten bilanziellen Eigenkapital.
Der Posten ist nicht geheim. Er steht ausdrücklich im geprüften Jahresabschluss von Ueno für 2025. Unklar bleibt jedoch, was sich im Detail dahinter verbirgt. Genau diese fehlende Aufschlüsselung macht eine Beurteilung schwierig.
Was ist dieses Treuhandvermögen?
Ueno entstand in seiner heutigen Form unter anderem durch die Fusion mit Visión Banco im Jahr 2024. Im Rahmen dieser Fusion genehmigte die paraguayische Zentralbank BCP mehrere besondere bilanzielle Regelungen.
Eine davon war die Einrichtung eines Treuhandvermögens. Ueno beschreibt den entsprechenden Bilanzposten einerseits als Kosten, die aus der Neuorganisation des Geschäftsmodells nach der Fusion entstanden seien. An anderer Stelle ist von Investitionen und weiteren Positionen im Zusammenhang mit dieser Reorganisation die Rede.
Für Laien lässt sich der entscheidende Punkt so erklären: Kosten werden normalerweise in dem Zeitraum als Aufwand verbucht, in dem sie entstehen. Dadurch vermindern sie den Gewinn und letztlich das Eigenkapital. Bestimmte Ausgaben können dagegen als Vermögenswert in die Bilanz aufgenommen und erst über mehrere Jahre verteilt abgeschrieben werden.
Genau deshalb ist es entscheidend zu wissen, was in den 2,106 Billionen Guaraní enthalten ist. Eine technische Anlage, ein verwertbares Wirtschaftsgut oder eine andere werthaltige Investition ist wirtschaftlich etwas anderes als eine bereits angefallene Restrukturierungs- oder Fusionsausgabe, deren Belastung lediglich über mehrere Jahre verteilt wird.
Die veröffentlichten Abschlüsse von Ueno teilen den Betrag jedoch nicht entsprechend auf.
Eine zweite Zahl macht den Vergleich besonders interessant
Ueno selbst weist Ende 2025 ein Eigenkapital von rund 2,118 Billionen Guaraní aus. Die Ratingagentur FIX SCR nennt in ihrem Bericht zur Ueno Bank daneben aber eine weitere Kennzahl: ein „angepasstes Kapital“ von nur rund 1,217 Billionen Guaraní.
Die Differenz beträgt rund 901 Milliarden Guaraní.
Das ist bemerkenswert, weil Uenos Bilanz gleichzeitig genau rund 901 Milliarden Guaraní unter „Cargos Diferidos e Intangibles“, also abgegrenzten und immateriellen Vermögenswerten, ausweist. Darin befinden sich unter anderem rund 761 Milliarden Guaraní für Systeme und Software.
Rechnerisch entspricht das von FIX ausgewiesene angepasste Kapital damit praktisch exakt Uenos bilanziertem Eigenkapital abzüglich dieses gesamten Blocks von abgegrenzten und immateriellen Vermögenswerten.
| Stand Ende 2025 | ungefähr |
|---|---|
| Von Ueno ausgewiesenes Eigenkapital | 2,118 Billionen G. |
| Abgegrenzte und immaterielle Vermögenswerte | 901 Milliarden G. |
| Von FIX ausgewiesenes angepasstes Kapital | 1,217 Billionen G. |
| Treuhandvermögen „Derechos Fiduciarios“ | 2,106 Billionen G. |
Das bedeutet nicht, dass FIX die Ueno-Bilanz für falsch hält. Die Ratingagentur bewertet die Bank weiterhin mit einer hohen Bonitätsnote. Die Kennzahl zeigt aber, dass eine Analyse der Kapitalstärke anders aussehen kann, sobald bestimmte weniger greifbare Vermögenswerte nicht vollständig mitgerechnet werden.
Ein Stresstest – keine Behauptung über den tatsächlichen Wert
Was geschieht nun, wenn man nicht beim bilanziellen Eigenkapital von 2,118 Billionen Guaraní beginnt, sondern beim angepassten Kapital von rund 1,217 Billionen Guaraní?
Dann wird die Zusammensetzung des Treuhandvermögens entscheidend.
Niemand außerhalb der Bank und der Aufsicht kann anhand der veröffentlichten Informationen seriös sagen, dass dieses Vermögen 100 Prozent, 75 Prozent oder nur 50 Prozent seines Buchwertes wert ist. Deshalb wäre es falsch, einen bestimmten Abschlag als Tatsache darzustellen.
Man kann jedoch berechnen, was unterschiedliche Annahmen bedeuten würden.
| Angenommener Abschlag auf das Treuhandvermögen | Verbleibendes angepasstes Kapital |
|---|---|
| 0 Prozent | rund 1,217 Billionen G. |
| 25 Prozent | rund 690 Milliarden G. |
| 50 Prozent | rund 164 Milliarden G. |
| rund 57,8 Prozent | ungefähr null |
| 75 Prozent | rund minus 363 Milliarden G. |
| 100 Prozent | rund minus 889 Milliarden G. |
Die Zahl von 57,8 Prozent ist dabei keine Schätzung des tatsächlichen Verlustes. Sie ist lediglich der mathematische Punkt, an dem ein entsprechender Wertverlust des Treuhandvermögens das zuvor berechnete angepasste Kapital vollständig aufzehren würde.
Anders formuliert: Sobald man die abgegrenzten und immateriellen Vermögenswerte so behandelt, wie es rechnerisch auch in der FIX-Kennzahl geschieht, reicht ein Verlust von etwas mehr als der Hälfte des Treuhandwertes aus, um diesen verbleibenden Puffer aufzubrauchen.
Ob ein solcher Abschlag realistisch, zu hoch oder sogar zu niedrig wäre, lässt sich aus den veröffentlichten Unterlagen gerade nicht bestimmen. Dafür müsste bekannt sein, woraus die 2,106 Billionen Guaraní tatsächlich bestehen.
Auch eine Bewegung von 352 Milliarden Guaraní bleibt offen
Eine weitere Frage ergibt sich aus der Veränderung des Treuhandpostens während des Jahres 2025.
Ende 2024 standen dort rund 2,614 Billionen Guaraní. Ende 2025 waren es noch rund 2,106 Billionen. Der Bilanzwert sank damit um etwa 508,6 Milliarden Guaraní.
Ueno weist für 2025 gleichzeitig rund 156,7 Milliarden Guaraní als Abschreibung beziehungsweise Amortisation des Treuhandvermögens aus.
Zwischen diesen beiden Zahlen verbleibt eine Differenz von rund 351,9 Milliarden Guaraní. Aus den öffentlich zugänglichen Erläuterungen lässt sich nicht eindeutig erkennen, wodurch diese zusätzliche Verminderung entstanden ist.
Dafür kann es sachliche Erklärungen geben, etwa Verkäufe, Übertragungen, Rückzahlungen oder andere bilanzielle Bewegungen. Die veröffentlichten Unterlagen ermöglichen es einem Außenstehenden jedoch nicht, die Veränderung vollständig nachzuvollziehen.
Die Sonderregeln gehen über das Treuhandvermögen hinaus
Das Treuhandmodell ist nur ein Teil der besonderen Regelungen, die der BCP im Zusammenhang mit der Fusion von Ueno und Visión genehmigte.
Dazu gehören auch die zeitliche Verschiebung bestimmter Wertberichtigungen auf einen Teil des übernommenen Kreditportfolios, die Verteilung übernommener Verluste über spätere Perioden und eine Sonderregel für Vermögenswerte, die zur Begleichung ausgefallener Kredite übernommen wurden.
Bei einem Teil der Kreditvorsorge ist sogar ein Zeitraum von bis zu 20 Jahren vorgesehen. Bei bestimmten aus Visión übernommenen Vermögenswerten beginnt die Berechnung von Wertberichtigungen erst ab dem fünften Jahr nach der Fusion.
Diese Regelungen wurden vom BCP genehmigt. Es handelt sich daher nicht um versteckte Buchungen oder um den Nachweis eines Regelverstoßes durch Ueno.
Sie führen allerdings dazu, dass die heutige Bilanz der Bank nicht ohne Weiteres mit einer Situation vergleichbar ist, in der sämtliche Verluste und Belastungen sofort hätten verbucht werden müssen.
Der Wirtschaftsprüfer bestätigt die Bilanz – innerhalb dieser Regeln
Auch die Prüfung durch PricewaterhouseCoopers ändert daran nichts. PwC bestätigte den Jahresabschluss von Ueno auf Grundlage der geltenden Vorschriften des BCP einschließlich der besonderen Anweisungen, die im Zuge der Fusion erteilt wurden.
Ein Prüfungsvermerk beantwortet damit eine andere Frage als der hier vorgenommene Stresstest. Der Wirtschaftsprüfer prüft, ob die Bilanz innerhalb der maßgeblichen Rechnungslegungsregeln korrekt erstellt wurde. Er muss nicht beurteilen, wie die Bilanz aussehen würde, wenn der BCP die besonderen Übergangsregelungen nicht genehmigt hätte.
Der Stand Mitte 2026 sieht robuster aus
Für eine faire Beurteilung ist auch die Entwicklung nach dem Jahresende 2025 wichtig. Uenos ungeprüfter Zwischenabschluss zum 30. Juni 2026 zeigt eine Verbesserung mehrerer Kennzahlen.
Das ausgewiesene Eigenkapital stieg auf rund 2,437 Billionen Guaraní. Gleichzeitig gingen die abgegrenzten und immateriellen Vermögenswerte auf etwa 825 Milliarden Guaraní zurück. Das Treuhandvermögen sank ebenfalls leicht auf rund 2,027 Billionen Guaraní.
Wendet man rein rechnerisch dieselbe Methode wie beim Vergleich mit der FIX-Kennzahl für 2025 an und zieht die 825 Milliarden Guaraní vom ausgewiesenen Eigenkapital ab, verbleiben rund 1,611 Billionen Guaraní.
Der hypothetische Abschlag auf das Treuhandvermögen, der diesen Betrag vollständig aufzehren würde, läge Mitte 2026 damit nicht mehr bei rund 57,8 Prozent, sondern bei ungefähr 79,5 Prozent.
Diese Rechnung stammt nicht von FIX und stellt keine offizielle Kapitalkennzahl dar. Sie zeigt lediglich, dass sich der Puffer gegenüber Ende 2025 nach derselben vereinfachten Methode deutlich vergrößert hat.
Auch die regulatorischen Kapitalquoten lagen laut Uenos Zwischenabschluss weiterhin über den vorgeschriebenen Mindestwerten. Ende Juni meldete die Bank eine Tier-1-Quote von 12,06 Prozent und eine Gesamtkapitalquote von 14,52 Prozent.
Es gibt daher auf Grundlage der veröffentlichten Zahlen keinen Nachweis dafür, dass Ueno gegen die Kapitalanforderungen des BCP verstößt.
Was müsste veröffentlicht werden, um die Bilanz wirklich beurteilen zu können?
Der entscheidende Punkt ist weniger, dass Ueno besondere Bilanzierungsregeln nutzen durfte. Diese wurden vom BCP ausdrücklich genehmigt. Problematisch für eine öffentliche Beurteilung ist vielmehr, dass zentrale Informationen über deren wirtschaftliche Wirkung fehlen.
Fünf Fragen würden einen erheblichen Teil der Unsicherheit beseitigen:
- Wie teilen sich die rund 2,1 Billionen Guaraní des Treuhandvermögens konkret auf Kosten, Investitionen und andere Positionen auf?
- Welche dieser Vermögenswerte können verkauft oder anderweitig wirtschaftlich realisiert werden?
- Wie erklärt sich die Differenz von rund 351,9 Milliarden Guaraní zwischen der Abnahme des Treuhandvermögens 2025 und der ausgewiesenen Amortisation?
- Wie hoch wären die noch nicht verbuchten Wertberichtigungen auf das von Visión übernommene Kreditportfolio ohne die genehmigte zeitliche Streckung?
- Wie hoch wären die Wertberichtigungen auf übernommene Vermögenswerte aus Kreditausfällen, wenn die Sonderfrist nicht gelten würde?
ABC Color berichtete über den ungewöhnlich hohen Treuhandposten und hatte den BCP dazu befragt. Die Zentralbank verwies darauf, dass sie aufgrund des Bankgeheimnisses keine aufsichtsrechtlichen Einschätzungen zu einzelnen Instituten oder Bilanzpositionen öffentlich erörtern könne.
Ueno wiederum hat auf frühere Fragen zu seinen hohen Softwarewerten reagiert und darauf verwiesen, dass eine überwiegend digitale Bank erhebliche Investitionen in Technologie, Cloud-Systeme, Cybersicherheit, Biometrie, Zahlungsverkehr und andere Infrastruktur benötige. Eine ungewöhnlich hohe Summe allein belege deshalb keine Überbewertung.
Dieser Einwand ist grundsätzlich richtig. Auch beim Treuhandvermögen wäre allein seine Größe kein Beweis dafür, dass der Bilanzwert falsch ist.
Doch genau deshalb wäre die Aufschlüsselung wichtig.
Nicht die Antwort, sondern die fehlende Information ist das Problem
Aus den öffentlich zugänglichen Zahlen lässt sich nicht seriös ableiten, dass Ueno tatsächlich negatives Eigenkapital besitzt oder dass das Treuhandvermögen überbewertet ist. Eine solche Schlussfolgerung würde mehr Informationen voraussetzen, als derzeit veröffentlicht sind.
Man kann aber feststellen, dass ein für Uenos Kapitalstruktur außerordentlich bedeutender Vermögensposten von mehr als zwei Billionen Guaraní für Außenstehende nicht ausreichend aufgeschlüsselt ist.
Die Größenordnung ist erheblich: Ende 2025 entsprach das Treuhandvermögen praktisch dem gesamten bilanziellen Eigenkapital der Bank und war deutlich größer als das von FIX ausgewiesene angepasste Kapital.
Damit hängt die wirtschaftliche Interpretation von Uenos Bilanz in erheblichem Maß von einer Frage ab, auf die die veröffentlichten Unterlagen bislang keine präzise Antwort geben: Was steckt tatsächlich in diesen 2,1 Billionen Guaraní – und welchen wirtschaftlichen Wert haben die einzelnen Bestandteile?
