Als sich der Itaipú-Stausee im Oktober 1982 zu füllen begann, fuhren Rettungsteams mit Booten durch den steigenden Paraná und die überfluteten Wälder. Sie holten Affen aus Baumkronen, sammelten Gürteltiere, Vögel und Vogelspinnen ein und bargen Tausende Schlangen. Das paraguayische Operativo Mymba Kuéra war eine außergewöhnliche logistische Leistung. Es wäre jedoch irreführend, die Geschichte allein als erfolgreichen Naturschutz zu erzählen: Die Rettung wurde notwendig, weil für den Stausee eine riesige Landschaft planmäßig unter Wasser gesetzt wurde.
27.150 Tiere auf paraguayischer Seite
Am 13. Oktober 1982 wurden die Schleusen des Umleitungskanals geschlossen. Nach Angaben von Itaipú erreichte der Stausee wegen starker Niederschläge bereits 14 Tage später seinen vorgesehenen Wasserstand. Seine Wasserfläche umfasst rund 135.000 Hektar oder 1.350 Quadratkilometer.
Auf der paraguayischen Seite leitete der Agraringenieur Darío Pérez Chena die Bergung der Wildtiere. Itaipú nennt 27.150 dort eingefangene und umgesiedelte Tiere. Nach Pérez Chenas Angaben gegenüber BBC News Mundo waren etwa 45 Prozent davon Schlangen; rund die Hälfte dieser Schlangen war giftig. Zu den geborgenen Tieren gehörten außerdem Affen, Gürteltiere, Vögel und Spinnentiere.
Für die brasilianische Seite nennt der BBC-Bericht rund 11.000 weitere Tiere. Zusammen wären das etwas mehr als 38.000 Tiere, weshalb die Zahl häufig als „fast 39.000“ wiedergegeben wird. Eine andere offizielle Geschichtsseite von Itaipú nennt für die Rettungsaktion dagegen insgesamt 36.450 Tiere. Die verfügbaren Quellen erklären diese Differenz nicht. Eine exakte Gesamtzahl lässt sich deshalb aus ihnen nicht zweifelsfrei bestimmen.
Geborgen bedeutet nicht, dass alle Folgen verhindert wurden
Viele der Tiere wurden in Schutzgebiete innerhalb desselben Ökosystems gebracht. Nach dem BBC-Bericht standen dafür mehr als 100.000 Hektar zur Verfügung. Hunderte Schlangen gingen an das Instituto Butantan in São Paulo, wo sie für biologische Forschung und die Herstellung von Gegengiften genutzt wurden. Einige Sechsbinden-Gürteltiere wurden für wissenschaftliche Untersuchungen nach Japan gebracht.
Wie viele der ausgesetzten Tiere langfristig überlebten, geht aus den hier ausgewerteten Berichten jedoch nicht hervor. Ebenso wenig konnte der Einsatz sämtliche Tiere erreichen. Pérez Chena räumte gegenüber der BBC selbst ein, dass vermutlich sehr viele Tiere starben. Besonders betroffen waren nach seiner Einschätzung Insekten sowie Arten, die sich in unterirdischen Bauen befanden und von den Rettungsteams kaum erreicht werden konnten.
Die Zahl der geborgenen Tiere misst deshalb die Größe des Rettungseinsatzes, nicht den gesamten ökologischen Verlust durch die Flutung.
Mit dem Stausee verschwand auch eine natürliche Barriere
Die Veränderungen gingen weit über die unmittelbar bedrohten Landtiere hinaus. Der Stausee überflutete auch die Saltos del Guairá, auf brasilianischer Seite als Sete Quedas bekannt. Itaipú selbst beschreibt, wie Bewohner gegen das Verschwinden der Wasserfälle protestierten. Entlang eines etwa 170 Kilometer langen Abschnitts wurden allein auf der brasilianischen Seite nach Angaben des Unternehmens 8.519 städtische und ländliche Grundstücke überflutet.
Die Wasserfälle waren zudem eine wichtige natürliche Barriere für Fische im Paraná. Eine 2009 in der Fachzeitschrift Neotropical Ichthyology veröffentlichte Langzeitstudie stellte fest, dass nach der Überflutung von Sete Quedas mindestens 33 Fischarten aus dem unteren Paraná erfolgreich in den oberen Paraná vordrangen. Die Autoren bezeichneten dies als massive Verschiebung der Fischfauna und warnten allgemein davor, dass Stauseen natürliche biogeografische Grenzen aufheben können.
Damit veränderte Itaipú nicht nur einen Lebensraum an Land. Das Projekt verband zuvor teilweise getrennte aquatische Ökosysteme und beeinflusste die Artenzusammensetzung des Flusses noch Jahrzehnte nach dem Bau.
Eine große Rettungsleistung innerhalb eines noch größeren Eingriffs
Diese Folgen machen den Einsatz von Mymba Kuéra nicht bedeutungslos. Die Teams arbeiteten unter schwierigen und teilweise gefährlichen Bedingungen und verhinderten den Tod Tausender Tiere, die dem schnell steigenden Wasser kaum hätten entkommen können. Für Paraguay war die systematische Bergung von Wildtieren in dieser Größenordnung damals Neuland.
Aber die beiden Ebenen sollten auseinandergehalten werden. Mymba Kuéra war eine Maßnahme zur Begrenzung der Schäden eines bereits beschlossenen und weitreichenden Eingriffs. Die Rettung einzelner Tiere konnte den Verlust und die Umgestaltung ihrer Lebensräume nicht rückgängig machen.
Die Geschichte des Einsatzes erzählt deshalb zwei Dinge gleichzeitig: von einem außergewöhnlichen Versuch, während der Flutung möglichst viele Tiere zu retten – und von den Grenzen einer solchen Rettung, wenn eine Landschaft von rund 1.350 Quadratkilometern dauerhaft zum Stausee wird.
