Die Abgeordnetenkammer Paraguays steht wegen der hohen Abwesenheitsquote während der Sitzungen in der Kritik, obwohl die Abgeordneten hohe Gehälter und Sonderprivilegien erhalten. Seit März konnten nur 6 von 38 ordentlichen und außerordentlichen Sitzungen die Tagesordnung vollständig abarbeiten, während 84 % der Sitzungen wegen fehlender Beschlussfähigkeit vorzeitig beendet wurden.
Die Abgeordneten erhalten ein monatliches Gehalt von 37,9 Millionen Guaraní (inklusive Aufwandsentschädigungen und Repräsentationskosten) und sind lediglich verpflichtet, einmal pro Woche – dienstags – anwesend zu sein. Die Geschäftsordnung der Kammer gilt jedoch als lasch, sodass Lohnabzüge bei unentschuldigten Fehlzeiten, wie sie im Privatsektor üblich wären, kaum durchgesetzt werden können.
Das legislative Informationssystem (SILpy) des Kongresses ermöglicht es Bürgern, die Abwesenheitsquote jedes Abgeordneten anhand von Abstimmungen zu Projekten einzusehen. Der Abgeordnete Carlos Núñez Salinas (ANR, Honor Colorado), stellvertretender Präsident des Lateinamerikanischen Parlaments (Parlatino), führt die Statistik mit 81 % Fehlzeiten bei den Abstimmungen an, für die er stimmberechtigt war.
Am anderen Ende der Skala stehen die Abgeordneten Pedro Ortiz und José Domingo Adorno, beide aus der Regierungsfraktion, mit den geringsten Fehlzeiten. Allerdings bedeutet körperliche Anwesenheit nicht zwangsläufig parlamentarische Produktivität. Die Abgeordnete Fabiana Souto, die im August 2023 ihr Mandat antrat, hat bisher weder eine Anfrage gestellt noch das Wort im Plenum ergriffen – selbst bei Debatten, die für ihren Wahlkreis von Bedeutung waren.
Neben den hohen Gehältern genießen die Abgeordneten ein als privilegiert geltendes Rentensystem. Ein aktuell diskutierter Gesetzentwurf sieht zwar kosmetische Änderungen vor, behält jedoch wesentliche Vorteile bei: Nach 15 Beitragsjahren (drei Legislaturperioden) kann ein Abgeordneter mit etwa 30,32 Millionen Guaraní in Rente gehen, während ein Arbeitnehmer im Privatsektor mit Mindestlohn nach 25 Beitragsjahren nur Anspruch auf rund 3,044 Millionen Guaraní hat – ein Unterschied um das Zehnfache.
