Paraguay: 60,1 % informelle Beschäftigung und Jahreseinkommen unter der Wohlstandsschwelle

In Paraguay waren 2025 rund 60,1 % der Erwerbstätigen außerhalb der Landwirtschaft informell beschäftigt. Gleichzeitig liegt der für einen internationalen Vergleich verwendete durchschnittliche Jahreslohn von rund 6.300 US-Dollar deutlich unter einem aus einer Studie über Einkommen und Wohlbefinden abgeleiteten Referenzwert. Die Zahlen messen unterschiedliche Dinge – gemeinsam zeigen sie aber, dass bei der Beurteilung des Arbeitsmarktes sowohl die Höhe des Einkommens als auch die formelle Absicherung wichtig sind.

Paraguay: 60,1 % informelle Beschäftigung und Jahreseinkommen unter der Wohlstandsschwelle

60,1 % der Erwerbstätigen außerhalb der Landwirtschaft arbeiten informell

Nach Angaben des Instituto Nacional de Estadística (INE) waren 2025 rund 1,66 Millionen Menschen in nichtlandwirtschaftlichen Tätigkeiten informell beschäftigt. Das entspricht 60,1 % der betrachteten Erwerbstätigen.

Dabei geht es nicht nur um klassische Arbeitnehmer. Die Statistik umfasst unterschiedliche Formen der Erwerbstätigkeit. Bei abhängig Beschäftigten gilt eine Tätigkeit nach der INE-Methodik unter anderem dann als informell, wenn keine Beiträge zu einem Renten- oder Pensionssystem geleistet werden. Bei Selbständigen ist entscheidend, ob sie für ihre wirtschaftliche Tätigkeit im Registro Único de Contribuyentes (RUC) registriert sind.

Die Daten stammen aus der Encuesta Permanente de Hogares Continua (EPHC) 2025. Nicht einbezogen sind unter anderem Boquerón und Alto Paraguay, indigene Gemeinschaften sowie Personen in Gemeinschaftsunterkünften.

Was mit „Wohlstandsschwelle“ gemeint ist

Die im Titel genannte „Wohlstandsschwelle“ ist keine amtliche Armuts-, Wohlstands- oder Mindestlohngrenze.

Sie geht auf eine Untersuchung der Purdue University über den Zusammenhang zwischen Einkommen und subjektivem Wohlbefinden zurück. Die Forscher untersuchten, ab welchem Einkommensniveau zusätzliche Einnahmen statistisch nur noch geringe weitere Verbesserungen bei der Lebenszufriedenheit zeigen. Dieser Punkt wird als Einkommenssättigung bezeichnet.

Remitly übertrug diese Ergebnisse 2026 auf einzelne Länder und passte sie unter anderem an Kaufkraft und Inflation an. Für Paraguay wurde dabei ein Wert von rund 18.600 US-Dollar pro Jahr errechnet.

Dem gegenüber steht in der internationalen Auswertung ein auf Daten der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) basierender durchschnittlicher Jahreslohn von etwa 6.300 US-Dollar. Das entspricht rund 33,7 % des berechneten Sättigungswertes und brachte Paraguay in diesem Vergleich auf Platz 49 von 50 Ländern.

Das bedeutet jedoch nicht, dass jemand mit weniger als 18.600 US-Dollar Jahreseinkommen automatisch arm, unzufrieden oder „nicht wohlhabend“ ist. Der Wert ist ein statistischer Referenzpunkt aus einer Wohlbefindensstudie. Er ist weder ein Existenzminimum noch eine Empfehlung dafür, welches Einkommen ein Haushalt in Paraguay benötigt.

Wie passt das zu unserem Median von 2,69 Millionen Guaraníes?

Eine frühere Auswertung der EPHC 2025 auf Basis der paraguayischen Mikrodaten ergab unter Personen mit positivem Monatseinkommen aus ihrer Haupttätigkeit einen Median von rund 2,69 Millionen Gs. und einen Durchschnitt von rund 3,27 Millionen Gs. pro Monat.

Die vollständige Berechnung und ihre Methodik erklären wir im Artikel „Was Menschen in Paraguay verdienen: Warum der Median mehr erklärt als der Durchschnitt“.

Auf den ersten Blick könnte der dort berechnete Wert mit den 6.300 US-Dollar pro Jahr aus dem internationalen Vergleich unvereinbar erscheinen. Das ist jedoch nicht der Fall.

Die Zahlen stammen aus unterschiedlichen Datenquellen und verwenden unterschiedliche Definitionen. Die EPHC-Auswertung basiert direkt auf paraguayischen Mikrodaten und betrachtet das gemeldete Einkommen aus der Haupttätigkeit. Der von Remitly verwendete Durchschnitt stammt dagegen aus einer internationalen, auf ILO-Daten basierenden Lohnstatistik.

Auch Median und Durchschnitt beantworten verschiedene Fragen. Der Durchschnitt wird durch vergleichsweise hohe Einkommen stärker nach oben gezogen. Der Median zeigt dagegen den Punkt, an dem ungefähr die Hälfte der betrachteten Bevölkerung weniger und die andere Hälfte mehr verdient.

Deshalb sollten die 6.300 US-Dollar nicht einfach in Guaraníes umgerechnet und unmittelbar mit den 2,69 Millionen Gs. verglichen werden, als würden beide Werte exakt dieselbe Bevölkerungsgruppe und dieselbe Einkommensdefinition beschreiben.

Niedrige Einkommen und Informalität treten besonders häufig gemeinsam auf

Die INE-Daten zeigen einen deutlichen Zusammenhang zwischen Einkommen und informeller Beschäftigung.

Unter den abhängig Beschäftigten, die 2025 weniger als einen Mindestlohn verdienten, waren 79,8 % informell beschäftigt. Bei Einkommen von mindestens drei Mindestlöhnen lag die Quote dagegen bei 26,2 %.

Das bedeutet nicht, dass jeder niedrige Lohn automatisch mit informeller Arbeit gleichzusetzen ist. Es zeigt aber, dass Beschäftigte am unteren Ende der Einkommensverteilung wesentlich häufiger ohne die Merkmale arbeiten, die das INE für eine formelle Beschäftigung voraussetzt.

Auch nach Tätigkeitsbereich bestehen große Unterschiede. Besonders hohe Informalitätsquoten verzeichnete das INE 2025 unter anderem im Baugewerbe sowie im Handel, in Restaurants und Hotels.

Mehr IPS-Beitragszahler – trotz weiterhin hoher Informalität

Gleichzeitig gibt es Anzeichen für eine zunehmende Formalisierung.

Nach den aktuellen Daten des Arbeitsmarktinformationssystems SIMEL des Arbeitsministeriums waren im Juni 2026 insgesamt 848.280 Beitragszahler im allgemeinen System des Instituto de Previsión Social (IPS) registriert. Das waren 6,1 % mehr als ein Jahr zuvor.

Diese Zahl lässt sich allerdings nicht einfach von den rund 1,66 Millionen informell Erwerbstätigen abziehen. Die beiden Statistiken messen unterschiedliche Gruppen. Die INE-Quote beschreibt die nichtlandwirtschaftlich Erwerbstätigen nach den Kriterien der EPHC, während die IPS-Zahl Beitragszahler eines bestimmten Sozialversicherungssystems erfasst.

Beide Entwicklungen können deshalb gleichzeitig stattfinden: Die Zahl registrierter und sozialversicherter Beschäftigter kann wachsen, während ein großer Teil des gesamten Arbeitsmarktes weiterhin informell bleibt.

Warum Formalität mehr bedeutet als eine spätere Rente

Informelle Beschäftigung ist nicht mit Arbeitslosigkeit gleichzusetzen. Die Betroffenen arbeiten und erzielen Einkommen. Ihre Tätigkeit erfüllt jedoch mindestens eines der Kriterien für formelle Beschäftigung nicht.

Das kann langfristige Folgen haben. Fehlende Beiträge erschweren den Aufbau beitragsabhängiger Rentenansprüche. Je nach Situation kann auch der Zugang zu Leistungen bei Krankheit, Invalidität oder Tod eingeschränkt sein.

Die beiden zentralen Zahlen dieses Artikels sollten deshalb getrennt interpretiert werden: 60,1 % beschreiben die Struktur des paraguayischen Arbeitsmarktes außerhalb der Landwirtschaft. Die 6.300 und 18.600 US-Dollar stammen dagegen aus einem internationalen Vergleich zwischen einem durchschnittlichen Lohn und einem modellierten Einkommensniveau für subjektives Wohlbefinden.

Zusammen ergeben sie keinen einzelnen Maßstab für „Wohlstand“. Sie zeigen vielmehr zwei unterschiedliche Herausforderungen: Für viele Menschen in Paraguay ist entscheidend, wie viel ihre Arbeit einbringt und unter welchen Bedingungen dieses Einkommen erzielt wird.

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Quellen (2)

Aktualisiert: