Paraguay befindet sich in einem demografischen Wandel. Frauen bekommen deutlich weniger Kinder als noch vor einigen Jahrzehnten, die Menschen leben länger und der Anteil älterer Einwohner wächst. Das bedeutet jedoch nicht, dass Paraguay bereits eine „alte“ Gesellschaft wäre oder seine Bevölkerung unmittelbar schrumpft.
Nach den aktuellen Angaben des paraguayischen Instituto Nacional de Estadística (INE) leben 2026 rund 6,46 Millionen Menschen im Land. Das Medianalter liegt bei 29,4 Jahren. Von ihnen sind 1,59 Millionen jünger als 15 Jahre, 4,29 Millionen zwischen 15 und 64 Jahre alt und 572.244 mindestens 65 Jahre alt.
Damit gehören rund 66,5 Prozent der Bevölkerung zur Altersgruppe von 15 bis 64 Jahren. Paraguay verfügt also weiterhin über eine vergleichsweise große Bevölkerung im Erwerbsalter. Gleichzeitig wächst der Anteil älterer Menschen.
INE und UN kommen zu deutlich unterschiedlichen Zahlen
Ein internationaler Vergleich macht eine Besonderheit der paraguayischen Bevölkerungsstatistik sichtbar: Die aktuellen Zahlen des INE unterscheiden sich erheblich von den Schätzungen der Vereinten Nationen.
| Datenquelle | Jahr | Bevölkerung | Medianalter | Unter 15 | 65 und älter |
|---|---|---|---|---|---|
| INE Paraguay | 2026 | 6,46 Mio. | 29,4 Jahre | 24,7 % | 8,9 % |
| UN World Population Prospects | 2025 | 7,01 Mio. | 28,0 Jahre | 28,4 % | 6,7 % |
Besonders auffällig ist die Gesamtbevölkerung: Zwischen beiden Reihen liegen mehr als 550.000 Menschen. Der Unterschied von einem Bezugsjahr kann eine solche Abweichung nicht erklären.
Das INE hat seine Bevölkerungsprojektionen nach dem Zensus 2022 neu berechnet. Die UN World Population Prospects verwenden dagegen ein international harmonisiertes Modell, das für alle Länder vergleichbare Zeitreihen erzeugen soll. Dabei können andere Ausgangswerte und Annahmen zu Geburten, Sterblichkeit und Migration verwendet werden.
Es handelt sich deshalb nicht einfach um zwei Personen, die dieselbe Bevölkerungszahl unterschiedlich berechnet haben. Es sind zwei eigenständige statistische Reihen. Für die aktuelle nationale Planung ist die nach dem Zensus überarbeitete INE-Reihe die unmittelbarste paraguayische Referenz. Für internationale Vergleiche wird häufig die einheitliche UN-Reihe verwendet.
Paraguay kann jung sein und gleichzeitig altern
Die beiden Aussagen widersprechen sich nicht. Ein Medianalter von knapp 30 Jahren bedeutet, dass Paraguay international weiterhin eine junge Bevölkerung hat. „Alterung“ beschreibt dagegen die Richtung, in die sich die Altersstruktur entwickelt.
Das INE stellte bereits in seinen langfristigen Projektionen fest, dass der Anteil der Kinder und Jugendlichen sinkt, während die Bevölkerung ab 65 Jahren zunimmt. Der sogenannte Alterungsindex lag nach der INE-Projektion 2024 bei rund 33 Menschen ab 65 Jahren je 100 Personen unter 15 Jahren. Bis 2050 könnten es fast 94 sein.
Die Veränderung vollzieht sich also über Jahrzehnte. Für Arbeitsmarkt, Gesundheitssystem, Renten und Pflege ist diese Entwicklung dennoch wichtig, weil sich das Verhältnis zwischen jüngeren, erwerbsfähigen und älteren Einwohnern schrittweise verschiebt.
1,9 Kinder je Frau ist eine Fruchtbarkeitsrate, keine Geburtenrate
Das INE gibt für 2026 eine Gesamtfruchtbarkeitsrate von 1,90 Kindern je Frau an. Für 2031 werden 1,82 Kinder erwartet. Diese Kennzahl beschreibt, wie viele Kinder eine Frau unter den gegenwärtigen altersspezifischen Geburtenraten durchschnittlich im Laufe ihres Lebens bekommen würde.
Sie ist nicht mit der Geburtenrate zu verwechseln, die normalerweise die Zahl der Geburten je 1.000 Einwohner bezeichnet.
Eine Gesamtfruchtbarkeitsrate von 1,9 liegt unter dem langfristigen Bestandserhaltungsniveau, das in Ländern mit niedriger Sterblichkeit häufig bei ungefähr 2,1 Kindern je Frau angesetzt wird. INE-Direktor Iván Ojeda verwies im Interview darauf, dass paraguayische Frauen in den 1950er-Jahren durchschnittlich noch ungefähr sieben Kinder bekamen.
Als Faktoren hinter dem Rückgang nannte er unter anderem bessere Bildung, Familienplanung und eine spätere Mutterschaft. Heute konzentrieren sich besonders viele Geburten auf Frauen zwischen 25 und 29 Jahren.
Die Bevölkerung schrumpft trotzdem noch nicht
Eine Fertilitätsrate unter dem Ersatzniveau bedeutet nicht, dass die Bevölkerung sofort kleiner wird. Dafür ist die heutige Altersstruktur entscheidend: Wenn relativ viele Menschen im jungen Erwachsenenalter leben, können noch über Jahre mehr Menschen geboren werden als sterben, selbst wenn jede Frau im Durchschnitt weniger Kinder bekommt.
Auch die langfristige INE-Projektion zeigt deshalb weiterhin Wachstum. In der Revision 2024 steigt die Bevölkerung von 6,37 Millionen im Jahr 2024 auf rund 6,62 Millionen im Jahr 2030 und etwa 7,12 Millionen im Jahr 2050.
Was sich deutlich verändert, ist das Tempo: Das INE erwartete für 2024 ein jährliches Bevölkerungswachstum von etwa 0,71 Prozent. Bis 2050 soll es auf ungefähr 0,18 Prozent sinken.
Die präzisere Aussage lautet daher: Paraguays Bevölkerungswachstum verlangsamt sich erheblich. Eine schrumpfende Gesamtbevölkerung ist nach den derzeit veröffentlichten INE-Projektionen bis 2050 noch nicht zu erwarten.
Auswanderung verstärkt den demografischen Wandel
Neben Geburten und Sterbefällen ist Migration die dritte zentrale Größe der Bevölkerungsentwicklung. Im Interview mit ABC Color bezifferte Ojeda den kumulierten negativen Migrationssaldo der vergangenen 25 Jahre auf rund 700.000 Menschen. Besonders stark sei die Auswanderung zwischen 2000 und 2012 gewesen, unter anderem nach Argentinien, Spanien, Brasilien und in die Vereinigten Staaten.
Für Spanien nannte Ojeda einen Anstieg von ungefähr 2.000 dort lebenden Paraguayern im Jahr 2000 auf rund 127.000 heute. In diesem Zusammenhang sagte er, etwa 75 Prozent dieser Migranten seien Frauen im gebärfähigen Alter.
Diese 75-Prozent-Angabe sollte jedoch nicht auf sämtliche paraguayischen Auswanderer übertragen werden. Sie wurde im Interview im Zusammenhang mit dem Beispiel Spanien genannt. Zudem können Migrationsstatistiken je nach Quelle Staatsangehörigkeit, Geburtsland oder registrierten Wohnsitz zählen und deshalb unterschiedliche Ergebnisse liefern.
Seit etwa 2014 hat sich die starke Auswanderungsphase laut Ojeda abgeschwächt. Gleichzeitig leben zunehmend Menschen aus Nachbarländern sowie aus Venezuela in Paraguay. Ob Migration das Bevölkerungswachstum langfristig verstärkt oder bremst, hängt deshalb sowohl von Aus- als auch von Einwanderung ab.
36.000 Todesfälle: registriert ist nicht dasselbe wie tatsächlich geschätzt
Auch die Zahl der Todesfälle benötigt eine genauere Einordnung. Die INE-Statistik für 2024 weist 35.837 registrierte Todesfälle aus. Das liegt nahe an der häufig genannten Größenordnung von rund 36.000.
Das INE schätzt jedoch, dass 2024 tatsächlich etwa 39.225 Menschen gestorben sind. Die registrierten Fälle entsprachen damit einer Erfassungsquote von rund 91,4 Prozent.
Bei der Lebenserwartung bestehen weiterhin deutliche Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Für 2026 nennt das INE 73,0 Jahre für Männer und 78,7 Jahre für Frauen. Beide Werte sollen in den kommenden Jahren weiter steigen.
Das demografische Fenster ist noch offen
Mit rund zwei Dritteln der Bevölkerung zwischen 15 und 64 Jahren befindet sich Paraguay weiterhin in einer demografisch günstigen Phase. Eine große Bevölkerung im Erwerbsalter kann wirtschaftliche Chancen schaffen, wenn ausreichend produktive Arbeitsplätze, Bildung und Gesundheitsversorgung vorhanden sind.
Gleichzeitig muss sich das Land auf eine wachsende ältere Bevölkerung einstellen. Dazu gehören Fragen der Rentenfinanzierung, Gesundheitsversorgung, Pflege, altersgerechtem Wohnen und Beschäftigungsmöglichkeiten für Menschen, die auch nach dem klassischen Rentenalter weiterarbeiten möchten.
Der wichtigste Befund ist deshalb nicht, dass Paraguay plötzlich „alt“ wird. Paraguay bleibt eine junge Gesellschaft, aber die Richtung hat sich verändert: Die Fertilität sinkt, die Menschen leben länger, die Altersstruktur verschiebt sich und das Bevölkerungswachstum verliert an Tempo.
Die Unterschiede zwischen INE und UN zeigen zugleich, dass Bevölkerungszahlen keine exakten Echtzeit-Zählungen sind. Gerade bei Paraguay lohnt es sich, bei demografischen Angaben immer zu prüfen, welche statistische Reihe verwendet wird.
Quellen
- INE, Bevölkerung 2026: https://www.ine.gov.py/noticias/2946/paraguay-sigue-teniendo-la-mayor-cantidad-de-su-poblacion-en-edad-productiva
- INE, nationale Bevölkerungsprojektionen bis 2050: https://www.ine.gov.py/resumen/266/proyecciones-de-la-poblacion-nacional-por-sexo-y-edad-al-2050-revision-2024
- INE, demografische Kennzahlen: https://www.ine.gov.py/Publicaciones/Biblioteca/documento/266/Triptico.pdf
- INE, Statistik der Geburten und Todesfälle 2024: https://www.ine.gov.py/publication-single.php?codec=305
- UN World Population Prospects 2024: https://population.un.org/wpp/
- Darstellung der UN-Daten für Paraguay 2025: https://www.populationpyramid.net/paraguay/2025/
- ABC Color, Interview und ursprüngliche Berichterstattung: https://www.abc.com.py/nacionales/2026/09/15/nuevo-mapa-demografico-en-paraguay-la-natalidad-cae-y-la-poblacion-tiende-a-envejecer/
